Traum(a) der Unerreichbarkeit
… oder die Entstehung eines Trends
Es ist eine typische Szenerie an der Rezeption eines Hotels. Voller Stolz und Überzeugung begrüßt die Empfangsdame den ankommenden Hotelgast und freut sich, ihm mitteilen zu dürfen, daß er ein Zimmer erhält, das gegen elektromagnetische Strahlen abgeschirmt ist. Einem gesunden und erholsamen Schlaf steht nichts im Weg.
Der Gast ist leicht verunsichert und schaut die Dame zweifelnd an. Es ist ihm förmlich anzusehen wie ihm die Gedanken durch den Kopf schießen und sich langsam ein Horrorszenario aufbaut. „Elektrosmogfrei … das heißt kein Handy-Empfang … das bedeutet nicht erreichbar zu sein … wer wollte mich erreichen … welche Anrufe erwarte ich dringend … was passiert in der Welt da draußen, wenn ich abgekapselt werde von der Außenwelt …?
Doch bevor er seine aufsteigende Panik zum Ausdruck bringt, beruhigt ihn die gelassene Rezeptionsmitarbeiterin. Das Handy bleibt empfangsbereit. Wenn auch mit geringerer Empfangsleistung. Ruhe breitet sich aus. In Gedanken entspannt sich der Hotelgast: „Der Urlaub kann beginnen. Notfalls bin ich ja erreichbar.“
Vielleicht ist es die berühmte Frage nach dem Huhn und dem Ei. Ist das Mobilfunkgerät nun der seit Jahrhunderten erwartete Segen, daß wir endlich immer im Notfall erreichbar sind. Oder hat die Nutzung des Handys dazu geführt, daß wir meinen, immer erreichbar sein zu müssen. Reichen zwei Wochen Erholung ohne Handy und womöglich sogar ohne Medien aus, daß wir denken, unsere Bekannten und die gesamte Welt hat sich so verändert, daß wir sie nicht mehr wiedererkennen. Ist das Handy unser nötiges Mittel zur essentiellen Kommunikation, oder sind wir unterbewußt zu Sklaven der vermeintlich notwendigen „24 Stunden – Erreichbarkeit“ geworden?
„Der wahre Luxus der Zukunft ist vernetzte Unerreichbarkeit“
Matthias Horx
Der Satz: „Alles wird immer komplizierter, alles wird unübersichtlicher“, ist eine der am meisten gebrauchten Floskeln seit Mitte der 90er Jahre. Das Schlagwort der „Globalisierung“ dient als „Pseudo-Entschuldigung“ für sämtliche gesellschaftliche Entwicklungen. Die Rasanz von Entwicklungen und die Schnellebigkeit von Ereignissen suggeriert uns die ständige Aufmerksamkeit. Entscheidungen müssen in immer kürzeren Zeiträumen getroffen werden, Wissen muß in immer weniger Zeit erworben werden.
Irgendwann übersteigt aber das mediale Angebot die menschliche Wahrnehmung. Aus der Lust an der Information wird Streß im Alltag. Die Befriedigung sich mit Ereignissen intensiv zu beschäftigen zerfällt im Druck, daß das Neue schon wartet. Die Gesellschaft verwandelt sich in eine Ablenkungsgesellschaft.
„Multitasking“ – viele Dinge gleichzeitig zu tun – wird die überlebenswichtige Kulturtechnik, um die vermeintliche Komplexität des Alltagslebens zu überstehen. Wir lesen, sehen fern, essen, reden mit dem Partner und denken nebenbei über das Geschehene nach. Alles passiert gleichzeitig. Wir lassen uns ablenken und lenken dabei andere ab. Ungeteilte Aufmerksamkeit und Konzentration wird an den Rand gedrängt.
„In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Arbeit und Leben
verschwimmen, müssen wir schnell sein – aber langsam essen.
Schnell sein, aber den Rosenduft riechen können.
Die große Herausforderung ist: die Unterschiede in
jenem Lärm finden, der sich Information nennt. Der
Schlüssel ist zu verstehen, daß wir nicht schnell sein müssen,
weil wir ein Rennen laufen, sondern
daß wir ein Rennen ohne Ziellinie laufen.“
Vincent Krawich
Polly Ghazi, englische Journalistin und Pionierin der „Downshifting- Bewegung“, vergleicht diesen Effekt mit einem Computer, der mit zunehmendem Abarbeiten von ständig mehr Programmen und „Subroutinen“ immer langsamer wird. Wir werden in Wahrheit nicht schneller, sondern langsamer, weil wir uns ins Nebensächliche verzetteln.
Was bedeutet das nun für die Hotellerie?
Zu den beliebtesten Werbesprüchen in der Hotellerie zählen: „Dem Alltag entfliehen“ und dem „Streß entkommen“.
Was sich im ersten Moment erholsam anhört und von keinem Urlaubsgast bezweifelt werden kann, bleibt in der eigenen ironischen Sackgasse stecken.
So sehr der streßgeplagte Urlauber abschalten möchte, so wenig bereit ist er auf seinen medialen Luxus zu verzichten. Das Handy, der Fernseher und das Internet (- mittlerweile als W-Lan-Angebot in durchgängiger Verfügbarkeit an allen Orten) dürfen auch im entferntesten Winkel nicht mehr fehlen.
Wenn der Logik zu folgen ist, daß jeder Entwicklung auch eine Gegenentwicklung folgt, dann folgt der totalen Mobilität die Sehnsucht nach Unerreichbarkeit. Genauso wie der hybride Konsument von heute nach seinem Besuch im Feinkostladen die restlichen Lebensmittel im Discounter kauft, verspürt er das Verlangen nach Momenten der Stille und völliger Distanz von der Vernetzung.
“Immer und überall erreichbar zu sein, wertet im Gegenzug gerade die Privatsphäre auf. Die Bedeutung der gewollten Unerreichbarkeit wird dadurch erheblich steigen. Es könnte für manche Menschen ein paradoxer Effekt entstehen: Durch die Verbreitung von Erreichbarkeit ist Unerreichbarkeit mit Ranggewinnen verbunden – man wird also um so bedeutsamer, je unerreichbarer man wird“
Heinz Bude (50) Professor für Soziologie an der Universität Kassel.
Die Unerreichbarkeit entwickelt sich zum Wettbewerbsvorteil. Wenn es „chic“ wird nicht erreichbar zu sein, dann muß das Angebot hierfür auch die Ausschließlichkeit wahren.
Ein Wellnesshotel mit W-Lan im ganzen Haus und Handy-Lade-Stationen an der Vitamin-Bar widerspricht sich selbst, wenn sie mit der „Befreiung vom Alltagsstreß“ wirbt. Es wendet sich vielmehr nur an die Zielgruppe der „Erreichbarkeits-Fanatiker“.
Ob sich der Wunsch nach Unerreichbarkeit im Kloster auslebt oder im Urlaub auf dem Einöd-Bauernhof im Allgäu … Ob der Urlaubsgast seine Reiseentscheidungen nach dem letzten verbliebenen Funklöchern in Deutschland auswählt und sich über www.funkloch.info sein passende Ziel auswählt … - um die Momente der Stille, wird ihn wohl jeder geplagt Manager beneiden.
„Als Führungskraft muß man sich Langsamkeit leisten können.“

